Vage Spuren bringen Wahrheit ans Licht
Auf der Motorhaube ein Haar. Im beschädigten Kühlergrill ein Spritzer Blut. Für Laien ist dies eindeutig ein Wildunfall – für die Experten der Mikrospurenanalyse ist es das noch nicht. Erst die mikroskopische Untersuchung kleinster Details entscheidet im Zweifel über die Herkunft der Spur und schließlich den Ausgang von Schadensfällen. Genau in solchen Situationen sind die Sachverständigen und Experten für Mikrospurenanalyse gefragt.
Zu ihnen gehören Sebastian Staisch und Michael Scheumann. Sie haben eine Leidenschaft dafür entwickelt, das Unsichtbare sichtbar zu machen. Staisch ist Geschäftsführer des Sachverständigenbüros ATM-expert mit Hauptsitz in Hamburg und hat das Thema Mikrospurenanalyse als Schwerpunkt in seinem Portfolio etabliert.
Detektivarbeit mit dem Mikroskop
Unter dem Einsatz von Mikroskopen, Lichtquellen und chemischen Verfahren analysieren Staisch und Scheumann winzige Spuren. „Ein Haar, ein Lacksplitter oder der Abrieb am Schlüssel können Unfallhergänge oder Diebstahlschäden erklären – wenn man genau hinschaut“, sagt Sebastian Staisch. Bei ATM waren es auf dem Gebiet der Mikrospurenanalyse zunächst Diebstahlschäden und Schlüsselanalysen. Ende der 1980er-Jahre hat der Vater von Sebastian Staisch die ersten Mikroskope angeschafft, um Schlüssel auf Kopierspuren zu untersuchen. Klassische Fälle waren damals verschwundene Fahrzeuge. Mithilfe der Mikrospurenanalyse war zu erkennen, ob Schlüssel gewaltsam manipuliert wurden oder ob vielleicht doch ein Zweitschlüssel mit im Spiel war.
Manipulationen eindeutig belegbar
Die Schließsysteme haben sich im Lauf der Jahre jedoch geändert, und das Geschäft mit den Schlüsselanalysen wurde weniger. Heute untersuchen sie hauptsächlich Wildschäden und prüfen, ob ein Wildunfall authentisch ist: „Wir waren sowieso schon im Bereich Mikrospurenuntersuchung unterwegs, also haben wir uns das notwendige Know-how für Tierschäden angeeignet“, blickt Staisch zurück. Analysen von Haaren, Blutspuren oder anderen biologischen Spuren gehören zum täglichen Geschäft. Sein Team findet heraus, ob ein echter Zusammenstoß mit einem Tier stattgefunden hat oder ob das beschädigte Fahrzeug lediglich in einen Wildzaun geschoben wurde, um einen Unfallhergang zu verschleiern.
Zusammen mit einer erfahrenen Biologin löst ATM solche Fälle. Sie bestimmen Tierarten anhand des Spurenmaterials und prüfen, ob es Anzeichen für Manipulationen gibt. Wurden die Haare abgeschnitten, ausgerissen, oder stammen sie gar nicht von einem lebenden Tier. „Wir hatten Fälle, in denen Haarproben angeblich vom Wild stammten. Unter dem Mikroskop wurden sie klar als Hundehaare oder sogar als Rasierpinselhaare, in denen noch Seifenreste nachweisbar waren, identifiziert“, erzählt Staisch. „Das klingt komisch, ist aber vor Gericht entscheidend.“ Inzwischen ist aus all den Daten eine große Datenbank entstanden. Auch mit Gebissweiten und Zahnanordnungen von Mardern haben sie sich beschäftigt und schon mehrfach Betrugsversuche entlarvt, denn es ließ sich beweisen, dass es eine Werkzeugspur und kein typischer Marderbiss war.Manchmal lassen sich Unfälle und Schäden auch anhand von Dehnungsmerkmalen an Gurten plausibel erklären. Damit können beispielsweise Ausweichbewegungen des Fahrzeugs rekonstruiert werden.
Die Verfahren sind präzise, aber auch aufwendig. Manchmal sind DNA-Analysen notwendig, und manchmal braucht es sogar Untersuchungen mit komplexen Rasterelektronenmikroskopen. Doch der Aufwand lohnt sich: „Unsere Analysen helfen, ehrliche Versicherungsnehmer zu schützen und Betrugsfälle aufzudecken“, kommentiert Scheumann. Von den Methoden und Ergebnissen der Mikrospurenanalyse profitieren sowohl Werkstätten, Gutachter als auch Versicherungen.
Leidenschaft für die kleinste Spur
Vor etwa 15 Jahren ist Sebastian Staisch ins Unternehmen eingestiegen. Zuvor hat er Betriebswirtschaftslehre und Maschinenbau studiert und den Masterstudiengang mit Schwerpunkt Unfallrekonstruktion und Unfallforschung abgeschlossen. Die Geschichte des Unternehmens begann jedoch bereits in den 1950er-Jahren in Lübeck. Damals gründete Sebastian Staischs Großvater einen klassischen Betrieb für Fahrzeugbewertungen. In den 1980er-Jahren verschob sich der Fokus in den Sachverständigenbereich für Schadenbewertungen. Heute ist ATM eines der größten inhabergeführten Sachverständigen-Büros im nordostdeutschen Raum und darüber hinaus einer der größten DAT Expert Partner. Von Leipzig bis ins schleswig-holsteinische Heide bietet das Unternehmen an 20 Standorten mit rund 50 Mitarbeitern Expertise in den Bereichen Schadengutachten, Fahrzeugbewertung und Unfallrekonstruktion.Als gefragter Partner für Versicherungen, um Schadenfälle objektiv zu klären, hat sich das Unternehmen etabliert. „Versicherungsbetrug ist subtiler geworden“, bestätigt Michael Scheumann: „Ohne präzise forensische Verfahren lässt sich heute kaum noch nachvollziehen, ob ein Schaden echt oder inszeniert ist.“ Schadenbilder, bei denen etwas nicht stimmig ist, gebe es immer häufiger.Was die beiden Experten antreibt, ist weit mehr als Technik. Ihre Arbeit ist ein Wettlauf gegen immer raffiniertere Täuschungen und manipulierte Unfallszenarien wie selbst beschädigte Schläuche oder gezielt platzierte Haare. Doch die Experten bleiben gelassen: „Mit Geduld, Erfahrung und den richtigen Werkzeugen kommen wir jeder Manipulation auf die Schliche, auch Haaren von Rasierpinseln“, so Staisch. Sie decken auf und belegen, was andere nicht sehen. Sie sorgen dafür, dass am Ende Schäden und Unfallhergänge eindeutig beweisbar und nachvollziehbar sind.