Gebrauchtwagenmarkt im April 2022

Der Markt erlebt Rückschläge, welche während der üblichen Frühjahrsbelebung so noch nie da waren

Die aktuellen Zahlen stehen unter sehr negativen Vorzeichen: Laut KBA wurden im April 441.550 Besitzumschreibungen registriert, das sind 17,3 Prozent weniger als im März 2022 und 25,3 Prozent weniger als im April 2021. Das sind Rückgänge, die der Markt während seiner üblichen Frühjahrsbelebung so noch nie erlebt hatte. In der Addition aller Besitzumschreibungen des Jahres 2022 steht ebenfalls ein dickes Minus vor der Summe: -12 Prozent weniger als im vergleichbaren Vorjahreszeitraum. In Einheiten ausgedrückt sind das 1.913.592 Gebrauchtwagen, die im ersten Drittel des Jahres 2022 den Besitzer wechselten.

Der Automobilmarkt erlebt ein äußerst ungewöhnliches Szenario. Die Zusammenwirkung zwischen Neu- und Gebrauchtwagenmarkt war selten so offensichtlich wie in diesen Zeiten.
Für den Neuwagenmarkt gilt: Die Auftragsbücher der Automobilhersteller sind voll, aber die bestellten Fahrzeuge können nur verzögert gebaut werden. Der Nachschub an Rohstoffen, Kabelbäumen oder Halbleitern bleibt unsicher. Hinzu kommt, dass viele Hersteller ihre Listenpreise deutlich anheben. Man könnte meinen, es herrscht die Ansicht, man müsse nicht viel bauen, sondern viel verdienen. „Luxury“ ist der neue Trend, was einen Neuwagen für den Durchschnittsbürger immer seltener erschwinglich macht. 
Wenn ein Interessent dann – womöglich ausgelöst durch die hohen Kraftstoffpreise – auf einen geförderten Neuwagen mit E-Antrieb ausweichen möchte, so haben sich auch dort die Lieferschwierigkeiten, das mögliche Ende der Förderung und die stückzahlenmäßig doch nennenswerten Exporte auf Kosten der Steuerzahler mittlerweile herumgesprochen.

Diese zugegebenermaßen sehr knapp skizzierte Ausgangslage wirkt sich massiv auf den Gebrauchtwagenmarkt aus. Ohne Neuzulassungen fehlen junge Gebrauchtwagen. Und: Bei so hohen Neuwagenpreisen und Lieferzeiten weichen viele private Interessenten auf den Gebrauchtwagenmarkt aus. Dort herrscht nicht gerade ein üppiges Angebot. Aus Sicht des Handels müssen gebrauchte Fahrzeuge sorgfältig gesucht und dann meist zu hohen Preisen angekauft werden. Dem Handel ist es gelungen, diese bis März dieses Jahres zu außergewöhnlich hohen Preisen zu verkaufen. Das gilt auch für ältere Fahrzeuge. Im April und auch bereits im Mai zeichnet sich nun erstmals eine Stagnation der Preise ab. Sie verharren auf einem hohen Plateau, und auch die Standtage sind nicht mehr so rapide heruntergegangen. Kunden warten also ab, sie hoffen auf niedrigere Preise und investieren vermutlich in die Wartung ihrer Fahrzeuge (dieses Phänomen konnten wir in den beiden Corona-Jahren 2020 und 2021 beobachten). 
Wie lange diese Abkühlung des überhitzten Marktes andauert, ist nicht abzusehen. Aber selbst bei einer Besserung der weltpolitischen Lage ist eine grundsätzliche Änderung in diesem Jahr nicht mehr zu erwarten.